Bertolt Brecht: Der anachronistische Zug oder FREIHEIT und DEMOCRACY

	Frühling wurd's in deutschem Land.
	Über Asch und Trümmerwand
	Flog ein erstes Birkengrün
	Probweis, delikat und kühn.

	Als von Süden, aus den Tälern
	Herbewegte sich von Wählern
	pomphaft ein zerlumpter Zug
	Der zwei alte Tafeln trug.

	Mürbe war das Holz von Stichen
	Und die Inschrift sehr verblichen
	Und es war so etwas wie
	FREIHEIT und DEMOCRACY.

	Von den Kirchen kam Geläute.
	Kriegerwitwen, Fliegerbräute
	Waise, Zittrer, Hinkebein -
	Offnen Mauls stand's am Rain.

	Und der Blinde frug den Tauben
	Was vorbeizog in den Stauben
	Hinter einem Aufruf wie
	FREIHEIT und DEMOCRACY.

	Vornweg schritt ein Sattelkopf
	Und er sang aus vollem Kropf:
	"Allons, enfants, god save the king
	Und den Dollar, kling, kling, kling."

	Dann in Kutten Schritten zwei
	Trugen 'ne Monstranz vorbei.
	Wurd die Kutte hochgerafft
	Sah hervor ein Stiefelschaft.

	Doch dem Kreuz dort auf dem Laken
	Fehlen heute ein paar Haken
	Da man mit den Zeiten lebt
	Sind die Haken überklebt.

	Drunter schritt dafür ein Pater
	Abgesandt vom Heiligen Vater
	Welcher tief beunruhigt
	Wie man weiß, nach Osten blickt.

	Dicht darauf die Nichtvergesser
	Die für ihre langen Messer
	Stampfend in geschloßnen Reihn
	Laut nach einer Freinacht schrein.

	Ihre Gönner dann, die schnellen
	Grauen Herrn von den Kartellen:
	Für die Rüstungsindustrie
	FREIHEIT und DEMOCRACY!

	Einem impotenten Hahne
	Gleichend, stolzt ein Pangermane
	Pochend auf das freie Wort.
	Es heißt Mord.

	Gleichen Tritts marschiern die Lehrer
	Machtverehrer, Hirnverheerer
	Für das Recht, die deutsche Jugend
	Zu erziehn zur Schlächtertugend.

	Folgen die Herrn Mediziner
	Menschverächter, Nazidiener
	Fordernd, daß man ihnen buche
	Kommunisten für Versuche.

	Drei Gelehrte, ernst und hager
	Planer der Vernichtungslager
	Fordern auch für die Chemie
	FREIHEIT und DEMOCRACY.

	Folgen, denn es braucht der Staat sie
	Alle die entnazten Nazi
	Die als Filzlaus in den Ritzen
	Aller hohen Ämter sitzen.

	Dort die Stürmerredakteure
	Sind besorgt, daß man sie höre
	Und jetzt nicht etwa vergesse
	Auf die Freiheit unsrer Presse.

	Einige unsrer besten Bürger
	Einst geschätzt als Judenwürger
	Jetzt geknebelt, seht ihr schreiten
	Für das Recht der Minderheiten.

	Früherer Parlamentarier
	In den Hitlerzeiten Arier
	Bietet sich als Anwalt an:
	Schafft dem Tüchtigen freie Bahn!

	Und das schwarze Marketier
	Sagt, befraget: Ich marschier
	Auf Gedeih (und auf Verberb)
	Für den freien Wettbewerb.

	Und der Richter dort: zur Hetz
	Schwenkt er frech ein alt Gesetz.
	Mit ihm von der Hitlerei
	Spricht es sich und alle frei.

	Künstler, Musiker, Dichterfürsten
	Schrei'nd nach Lorbeer und nach Würsten
	All die Guten, die geschwind
	Nun es nicht gewesen sind.

	Peitschen klatschen auf das Pflaster:
	Die SS macht es für Zaster
	Aber Freiheit braucht auch sie
	FREIHEIT und DEMOCRACY.

	Und die Hitlerfrauenschaft
	Kommt, die Röcke hochgerafft
	Fischend mit gebräunter Wade
	Nach des Erbfeinds Schokolade.

	Spitzel, Kraft-durch-Freude-Weiber
	Winterhelfer, Zeitungsschreiber
	Steuer-Spenden-Zins-Eintreiber
	Deutsches-Erbland-Einverleiber

	Blut und Dreck in Wahlverwandtschaft
	Zog das durch die deutsche Landschaft
	Rülpste, kotzte, stank und schrie:
	FREIHEIT und DEMOCRACY!

	Und kam, berstend vor Gestank
	Endlich an die Isarbank
	Zu der Hauptstadt der Bewegung
	Stadt der deutschen Grabsteinlegung.

	Informiert von den Gazetten
	Hungernd zwischen den Skeletten
	Seiner Häuser stand herum
	Das verstörte Bürgertum.

	Und als der mephitische Zug
	Durch den Schutt die Tafeln trug
	Treten aus dem brauen Haus
	Schweigend sechs Gestalten aus

	Und es kommt der Zug zum Halten.
	Neigen sich die sechs Gestalten
	Und gesellen sich dem Zug
	Der die alten Tafeln trug.

	Und sie fahrn in sechs Karossen
	Alle sechs Parteigenossen
	Durch den Schutt, und alles schrie:
	FREIHEIT und DEMOCRACY!

	Knochenhand am Peitschenknauf
	Fährt die Unterdrückung auf.
	In 'nem Panzerkarr'n fährt sie
	Dem Geschenk der Industrie.

	Groß begrüßt, in rostigem Tank
	Fährt der Aussatz. Er scheint krank.
	Schämig zupft er sich im Winde
	Hoch zum Kinn die braune Binde.

	Hinter ihm fährt der Betrug
	Schwenkend einen großen Krug
	Freibier. Müßt nur, draus zu saufen
	Eure Kinder ihm verkaufen.

	Alt wie das Gebirge, doch
	Unternehmend immer noch
	Fährt die Dummheit mit im Zug
	Läßt kein Auge vom Betrug.

	Hängend überm Wagenbord
	Mit dem Arm, fährt vor der Mord.
	Wohlig räckelt sich das Vieh
	Singt: Sweet dreams of liberty.

	Zittrig noch gestrigen Schock
	Fährt der Raub dann auf im Rock
	Eines Junkers Feldmarschall
	Auf dem Schoß einen Erdball.

	Aber alle die sechs Großen
	Eingeseßnen, Gnadelosen
	Alle nun verlangen sie
	FREIHEIT und DEMOCRACY.

	Holpernd hinter den sechs Plagen
	Fährt ein riesen Totenwagen
	Drinnen liegt, man sieht's nicht recht:
	's ist ein unbekannt Geschlecht.

	Und ein Wind aus den Ruinen
	Singt die Totenmesse ihnen
	Die dereinst gesessen hatten
	Hier in Häusern. Große Ratten

	Schlüpfen aus gestürzten Gassen
	Folgend diesem Zug in Massen
	Hoch die Freiheit, piepsen sie
	FREIHEIT und DEMOCRACY!
    

Bertolt Brecht, 1947